Zugfahrt von Mumbai nach chandigah; Amritsar und mcgeod gaj 25.4.15

In meinem super tollen "lonely planet"-travel guide (ohne den ich wohl nicht mal eine Woche über standen hätte), schreiben sie,dass wer Indien wirklich hautnah erleben möchte, mindestens 1x eine längere Strecke mit dem Zug gefahren sein muss.

Nun: Die Erfahrung habe ich jetzt gemacht und es war... Spannend!

Zunächst einmal ist zugfahren in Indien ein wenig anders als in Deutschland. Es gibt keine Glasfenster, sondern Gitterstäbe, Türen sind ebenfalls keine vorhanden und wenn man einen sicheren Platz in einer der mittleren klassen (was ausdrücklich empfohlen wird) haben möchte, sollte man sich mindestens eine Woche vorher darum bemühen. Da rishis und meine Abreise aber recht spontan war, mussten wir auf eine alternative Methode zurückgreifen: 2 Klasse Tickets kaufen und versuchen uns in die Mittelklasse einzukaufen. Dies gelang auch tatsächlich, mit nur einem Nachteil: wir hatten keine festen sitzplätze und mussten darauf hoffen, dass jemand seine Reservierung nicht wahrnimmt oder erst spät in den zug einsteigt. Und nach gut einer Stunde (unser 26 stündigen Zugfahrt nach Chandigah) tauchte eine 5 köpfige sihk-familie auf, sowie ein älterer Herr, die aber großzügiger weise bereit waren, ihren Platz mit uns zu teilen. Ich glaube, das sind die inder nicht so.

 

Typisch für die indischen Zufahrten sind zum einen muntere Gespräche, sehr lautstarke Verkäufer, die während der fährt Tee, mehr oder weniger kalte Getränke, cracker und müsliriegel verkaufen bzw. an jedem größeren bahnhof , wo der Aufenthalt auch gerne mal eine halbe Stunde dauert, mit lautem gebrüll von ihren ständen am die Fenster gerannt kommen und ihre waren hinein halten. Ab und zu wurden im Zug auch warme speisen verkauft. (In großen aluschalen wird recht genießbarer Reis mit dal und chapati serviert, aber dazu später mehr)

Ebenfalls typisch für indische züge und ein wenig schockierend für jene, die nicht damit rechnen sind ... Vllt kann man sie Priesterinnen nennen, ich weiß es nicht: Eine Frau, die eigentlich ein homosexueller Mann ist, stellt sich vor die Passagiere , klatscht in die Hände und verlangt geld. Andernfalls wird sie sehr ungemütlich, bleibt stehen, starrt einen an und verteilt gar leicht backpfeifen. Als dankeschön für die 10 Rupien erhält man eine Segnung. Aufjedenfall ein gut gedeihendes Gewerbe.

Später am Abend wurden die Sitzbänke schließlich zu betten im maß von etwa 185x meine Schulter breite +10 cm umfunktioniert. Dumm nur, dass wir keine Reservierung hatten. Doch auch hier erwies sich der alters Herr, der übrigens kein wort englisch sprach, als großzügig und bot Rishi an, sein Bett mit mir zu teilen. Das war eng, aber (zunächst jedenfalls) besser als garnichts. Wir beide konnten einigermaßen liegen, wenn wir die Fuße neben dem Kopf des jeweils anderen platzierten. Sitzen war aufgrund der niedrigen hohe nicht mehr möglich. Und so schlief ich zunächst eine gute Stunde und als ich erwachte, war ich ein wenig ausgeruht und sehr dankbar. Dies drückte ich durch ein lächeln in Richtung des mannes aus und dieser erwiderte es. Kurz darauf fing er an meine füße zu massieren..ich habe mir erstmal nichts dabei gedacht. Die inder sind numal offen und Kontakt freudig.

Als seine Hände dann allerdings immer weiter Richtung meiner intimeren zone rutschte, wurde mir das ganze doch zu viel und ich machte ihm deutlich, dass ich das nicht wolle. Davon ließ er sich aber nicht abhalten und nachdem ich seine Hand das 3 mal entfernt hatte, verließ ich das bescheidene schlafgemahl. Glücklicherweise war gerade ein kleiner Platz auf dem völlig mit Menschen bedeckten Fußboden (wo waren die alle hergekommen?!?!) frei geworden und so begab ich mich in eine enge, sitzende Person neben ein paar Frauen, die noch munter quatschten und nickte gelegentlich ein. Am frühen morgen leerte sich der Zug und schließlich konnte ich den nächtlichen schlaf in einem eigenen Bett nachholen. Dumm nur, dass mein Baumwollschlafsack, der mir als Kissen gedient hatte,aus dem Fenster gewogen wurde, als ich schlief.

 

Selbstverständlich zog ich im Zug ein wenig aufmerksamkeit auf mich. Insbesondere in einer doch recht abstrusen situation: Rishi, der ein paar Meter entfernt von mir einen Schlafplatz befindet hatte, rief nach mir und 2 Sekunden später antworteten ihm 4-5 Männer und Frauen bzw. unterstützten seine "Michael"-Rufe (englische Aussprache)unnötigerweise. Ziemlich witzig für alle beteiligten.

 

In vielen teilen Indiens ist es normal, seiner Müll einfach auf den Boden gleiten zu lassen. Schließlich gibt es keine mülleimer. Dass dies aber auch für die Zuge gilt, fand ich doch erschreckend. Massenweise wird hier jeder Müll von Essensresten, bis Plastikflaschen und Verpackungen, einfach aus dem fahrenden Zug geworfen. Dem wollte ich mich nicht anschließen und verstaute, unter erstaunten blicken der anderen Fahrgäste und Protesten von Rishi, meinen Müll in meiner Tasche. Nachdem wir aber unter Schwierigkeiten unser warmes mahl eingenommen hatten (schließlich gibt es keine tische und nur einen kleinen plastiklöffel), hatte ich jedoch eine dreckige, saußenverschmierte aluschale auf dem schoß. Zwar spreche ich nach wie vor kein hindi, doch als ein Mädchen mit einem schälmischen grinsen in die runde fragte, ob ich wohl die Schale auch in meine Tasche stecken würde, war dies nicht falsch zu verstehen. Meinem Blick entnahm sie, dass ich verstanden hatte, woraufhin sie zunächst rot anlief, doch wir alle konnten herzlich darüber lachen und schließlich warf ich die aluschale aus dem fenster, so wie die anderen Fahrgäste.

 

Und so zogen Landschaften an uns vorbei. Flüsse mit Fischerbooten und Frauen, die Kleidung waschen. Berge, hügel , Wälder und viel brachland. Slums, Städte und manchmal mitten im nichts ein bewohntes kleines haus oder gar Zelte mit spielender Kindern und arbeitenden erwachsenen. Kühe, manchmal in Herden und Begleitung eines Hirten, manchmal selbständig unterwegs.

...und schließlich erreichten wir chandigah. Die Zugfahrt war doch ganz gut vorbeigegangen.

 (Soweit war ich etwa gekommen, bis der Stromausfall im internetcafe (aufgrund von regenfällen) meinen PC herunterfahren ließ. So musste das, für diese zwecke etwas unkomfortable tablet herhalten. Zudem ist meine sd-karte in der Kamera plötzlich leer und möchte formatiert werden. Schlecht. So habe ich nur 5-6 aufnahmen aus der letzten Woche.)

Chandigah wird in meinem Reiseführer beschrieben, als die stadt in der sich Indien präsentiert, wie es gerne von außen gesehen werden möchte. Dies war tatsächlich auch mein Eindruck. Diejenigen, die es sich leisten können, versuchen sich möglichst an Europa und Amerika zu orientieren, insbesondere, wenn es um Kleidung geht. Stolz erklärt mir Rishi, bei welchen Marken er ausschließlich seine Kleidung und sein deo kauft und bittet mich, mir doch bitte meine Jeans und ein nicht nur weißes t-shirt zu tragen, bei unseren besuchen in der mall und den vielen Parks.

Chandigah ist die erste durchgeplante stadt indiens. Damit wurde natürlich ein Europäer beauftragt. Die stadt besteht zu meist aus recht geschmackvoll gestalteten Parks (nur gelegentliche farbige lichter, die auf Bäume, pflanzen und Bänke gerichtet sind, nehmen das natürliche ein wenig). Die mall ist wie ein nobles europäisches Kaufhaus, nur dass es eine schreckliche ,viel zu laute, praktisch nur aus den grellen Blinklichtern der Spielautomaten bestehende kinderzone gibt. Auch die Innenstadt ist europäisch gestaltet, doch die laden sind greller und lauter und es gibt jeden abend eine spektakuläre musik-laser-Wasser-show, an deren Ende tanzvideos aus bollywoodfilmen auf der Wasserfontäne zu sehen sind. Kein HD, aber gut erkennbar. ... Europäisch und immer ein tick mehr.

In Rishis Haus wurde wunderbar durch gefüttert. Zum Frühstück um 11 gab es chapati mit Joghurt. Nachmittags sandwiches oder chapati. Abends Reis..... Oder/und chapati. Das ganze immer in verschiedenen Variationen und zwar solange bis ich ausdrücklich stop gesagt habe. Andernfalls wurde mir von rishis Frau oder Mutter, die zu Besuch war, immer mehr gebracht. Der Service war mir fast unangenehm und ein gelegentliches "thanks" konnte und wollte ich nicht unterdrücken, auch wenn Rishi meinte, das sei nicht nötig. Die Frauen haben gegessen, als wir fertig waren.

Sein vater, ein Arzt in einem kleinen Krankenhaus, hatte große Freude daran sich mit mir zu unterhalten, trotz seines recht beschränkten englisch. So erfuhr ich, dass Hitler ein angesehener kindername ist, sowie ein Lob an besonders disziplinierte Schüler, Gandhi von vielen Indern gehasst wird und das Bild über wiegt, dass in deutschland nur weiße leben. Auch und, dass traditionell der Bräutigam auf einem Pferd einreitet - nicht so schlecht, wie ich finde :D

Als ich genug Gärten gesehen hatte, insbesondere der rock garden war wirklich ein highlite, ließ ich mich von Rishi, seiner Frau und seinem mega witzigen 18-monate alten Sohn zur Busstation bringen, um einen bus nach Amritsar zu nehmen.

 

In Amritsar angekommen wurde ich schon von rikschafahrern umzingelt und verfolgt, da hatte ich noch nicht mal mein Gepäck entgegengenommen. Ein besonders ehrgeiziger Fahrer, wartete bus ich mir im lonely planet ein günstiges Hotel rausgesucht hatte und fuhr mich dorthin. Noch am selben abend besuchte in den goldenen tempel, den heiligsten Ort der sihk und berühmte Pilgerstätte. Schuhe, socken, Alkohol, Zigaretten sind nicht mal im Rucksack gestattet, wobei ich sowieso nur ersteres und zweiteres mit mir führte und es entsprechende Abgabestellen gab. Der Tempel ist sehr, sehr schön. Sehr friedlich liegt er in der Mitte eines heiligen Sees. Im Tempel selbst sieht man alte Männer, die vor riesigen Büchern sitzen und lesen und die Musik, die durch Lautsprecher in der ganzen Umgebung zu hören ist, hat hier ihren Ursprung. Üblicherweise berührt man mit dem Kopf jede Türschwelle, die man übertritt und jeder muss mit einem Kopftuch sein Haar bedecken. Viele Menschen beten hier und so dauert es etwas bis man drinnen ist. Doch überraschenderweise ist die Stimmung heiter. Kinder lachen. Und wer möchte erhält in einem großen Speisesaal kostenlos chapati und dal.

Am nächsten Tag bin ich um 12 Uhr abgereist mit dem bus nach mcgaud gaj, berühmt als Exil des Dalai lama, dessen Regierung und viele tibetische Flüchtlinge und so etwas touristisch überlaufen mit backpackern, aber sehr schön gelegen in den bergen und Wäldern. Es gibt Affen, viele kühe, Pferde und ziegen. Die Busfahrt hierher war ziemlich abenteuerlich. Ein klappriger bus fährt auf kaputten Gebirgstraßen. Da wurde man auch mal 10 cm von seinem Sitz geschleudert, wenn der Busfahrer es besonders gut meinte.

 

Was ich als sehr belastend empfinde, ist dass 85% der Menschen, die mich ansprechen und nach meinem Land fragen und mir Hilfe anbieten, mir entweder was verkaufen oder mich an betteln wollen. Wenn ein Bettler kommt und fragt, kann ich damit umgehen, aber das Interesse an einem Gespräch vortäuschen, mag ich nicht. "Hello my friend, how are you" ich Manns nicht mehr hören :D aber damit muss ich klar kommen... Gestern im bus haben mich 2 nette inder angequatscht und als wir ausstiegen mir angeboten, zusammen ein Hotel zu suchen. Im Endeffekt wollten sie, dass ich das Zimmer zahle und sie mir was dazu geben. Ich habe wirklich überlegt, weil die beiden wirklich nett waren und auch als ich verneint habe mich nicht gedrängt haben, aber meine sicherheit muss vorgehen und der Mann an der Rezeption, für das ich mich trotz scheinbar hoher Preise, aber aus alternativlosigkeit entschieden hatte, meinte auch, ich solle mich von den Jungs fernhalten und plötzlich hatte er auch günstigere Zimmer.

Umso schöner sind Begegnungen bei denen es nur um Interesse an Kultur und Konversation geht. So hatte ich nette Begegnungen u.a. mit gläubigen sihks im tempel. Am abend wollte ich gemütlich ein Bier trinken, suchte mir also ein Restaurant mit Dachterrasse und fragte nach, ob ich ein solches bekäme, obwohl sie gerade schließen wollten. Da die Mitarbeiter aber sowieso noch auf ein Bier zusammen sitzen wollten, wurde ich dazu eingeladen und es war sehr nett.

25.4.15 16:31

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